Meine persönliche Erfahrung mit
KI-Therapieangeboten

Hands on Screen

Vertrauensvolle Beziehungen, aktive Mitarbeit und Verfügbarkeit in der Psychotherapie

Als Psychotherapeutin fühle ich mich in der Welt der mentalen Gesundheit zu Hause und mich haben neue Entwicklungen schon immer brennend interessiert. Der Shift von persönlichen Therapiesitzungen hin zu Online-Therapien und jetzt einer Unterstützung durch künstliche Intelligenz hat uns viele neue Denkaufgaben gegeben. Denn wie z. B. werden sich die Veränderungen auf Dinge auswirken, die wir für erfolgreiche Therapien als unerlässlich erachten (wie vertrauensvolle Beziehungen zwischen Klient:in und Therapeut:in, die aktive Mitarbeit und Verfügbarkeit von Therapieangeboten)? Meine Erfahrungen mit KI-Therapieangeboten waren richtig spannend und haben mich ganz schön zum Nachdenken angeregt.

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KI in der Psychotherapie wird immer wichtiger

Schätzungen zufolge könnten 15-25 % des globalen Markts für mentale Gesundheit in den nächsten 5-10 Jahren durch KI-gestützte Therapieangebote abgedeckt werden. Der Bedarf nach einer flächendeckenden und finanzierbaren psychischen Gesundheitsversorgung steigt. Im Zusammenspiel mit den technologischen Fortschritten im Bereich künstliche Intelligenz erklärt sich das schnelle Wachstum neuer Plattformen für KI-Therapie.

  1. Für den wachsenden Bedarf an Psychotherapieangeboten gibt es weltweit nicht genug Therapeut:innen.
  2. Die zunehmende Bereitschaft mit Online- und digitalen Lösungen zu arbeiten, hat den Weg für die Akzeptanz künstlicher Intelligenz geebnet.
  3. Eine bessere natürliche Sprachverarbeitung und maschinelles Lernen sorgen dafür, dass KI-Tools intuitivere und bessere Antworten liefern als je zuvor.

Der Erfolg von KI-Therapie wird jedoch maßgeblich von bestimmten Faktoren abhängen. Dazu gehören z. B. die Einhaltung gesetzlicher Vorschriften, die Integrationsmöglichkeiten in traditionelle Therapien und die Akzeptanz der Bevölkerung, die künstliche Intelligenz als ergänzendes oder alleiniges Tool für mentale Gesundheit einzusetzen.

Therapiesitzung zwischen einer Therapeut:in und Klient:in in behaglicher Atmosphäre
Psychotherapie ist zutiefst menschlich und persönlich. Lässt sich das ersetzen?

Vertrauen und aktive Mitarbeit in der KI-Therapie

Bei einer Therapie geht es immer um sehr persönliche Themen. Dafür muss man sich mit all seiner Verletzlichkeit zeigen und es braucht eine sichere zwischenmenschliche Beziehung. Als Therapeutin frage ich mich: Kann eine künstliche Intelligenz diese Intimität schaffen, die für den Therapieerfolg so ausschlaggebend ist? Und mangelt es Nutzer:innen nicht an Verbindlichkeit und Engagement, wenn der Aufwand so gering ist?

Sherry Turkle forscht zum Thema „künstliche Intimität“ und warum etwas, was keine Mühe macht, oft weniger wert erscheint. Therapiearbeit – ob es nun darum geht, verdrängte Gefühle zuzulassen oder komplexe Beziehungsarbeit zu leisten – ist eben vor allem eines: Arbeit. Eine Arbeit, die mit dem nötigen Einsatz echte Veränderungen bewirken kann. Dieses aktive Arbeiten an sich selbst ist wesentlicher Bestandteil in der psychotherapeutischen Praxis. Kann eine KI-Therapie das leisten, wenn die Auseinandersetzung mit der eigenen Person allzu reibungslos möglich ist? Verwässert KI nicht den langfristigen Erfolg einer Therapie? Diese Fragen müssen wir mit zunehmender technischen Entwicklung immer im Auge behalten.

Ich habe zwei KI-Plattformen ausprobiert: Abby und ChatMind.

Update: ChatMind ist seit dem 4. Juli 2025 nicht mehr auf dem Markt.

  • Abby ist ein rein textbasierter Therapie-Chatbot. Seine Antworten kamen eloquent und empathisch rüber, so dass es mir fast schien, als würde ich mit einem echten Menschen sprechen. Der Chatbot zögerte nicht, die Sprache war natürlich und die angebotenen Affirmationen waren intuitiv. Wenn Abby behauptet hätte, ein Mensch zu sein, es hätte nicht viel gefehlt und ich hätte mich überzeugen lassen.
  • ChatMind bot Unterstützung in gesprochener Sprache und antwortete mir in einer authentischen, beruhigenden Stimmlage. Gesprochene Antworten sorgen natürlich für eine zusätzliche Ebene der Verbundenheit, trotzdem erinnerten die leichte Verzögerung und die KI-typische Stimme daran, dass ich es nicht mit einem Menschen zu tun hatte. Diese Momente brachen die Illusion einer Vertrautheit und zeigten mir, dass etwas Wesentliches fehlte, was nur menschliche Therapeut:innen vermitteln können: emotionale Resonanz.

Vorteile einer KI-Therapie

Trotz einiger Einschränkungen, haben KI-gestützte Therapieangebote durchaus Vorteile:

  1. Verfügbarkeit: KI-Tools können gerade in Regionen hilfreich sein, in denen eine Unterversorgung herrscht, oder Menschen unterstützen, die wenig Zeit haben. So stehen Therapieangebote einer breiteren Masse zur Verfügung.
  2. Preiswerte Hilfe: Viele KI-Plattformen sind deutlich preisgünstiger als traditionelle Therapieangebote.
  3. Sofortige Unterstützung: Eine sofortige Erreichbarkeit kann im Bedarfsfall entscheidend sein.
  4. Großer Wissensschatz: Die Fähigkeit künstlicher Intelligenz großflächige Muster und Trends auszuwerten, kann Therapeut:innen helfen, wirksamere Therapiepläne zu entwickeln.
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Nachteile einer KI-Therapie

Trotzdem gibt es einige Nachteile/Bedenken:

  1. Eingeschränkte Empathiefähigkeit: Angesichts der Funktionsweise großer Sprachmodelle ist die KI nur in der Lage, Verständnis zu simulieren. Beziehungen zur Technologie fehlt die emotionale Tiefe, wie geteilte Erfahrungen im Zwischenmenschlichen mitbringen.
  2. Datenschutz: Die Erfassung sensibler Daten wirft Fragen über die Sicherheit und Vertraulichkeit auf. Der Verkauf persönlicher Daten war schließlich leider auch bei einigen großen Anbietern für Online-Therapie Thema. Vielen Menschen ist es daher wichtig, sicher sein zu können, dass ihre Daten vertraulich behandelt werden.
  3. Übermäßiges Vertrauen in Technologie: Der einfache Zugang zu künstlicher Intelligenz könnte nötige persönliche Interventionen bei komplexen Problemen verzögern. Sprich: Klient:innen in Krisen suchen eventuell zu spät passende Hilfe für ihre Probleme, weil sie sich zu lange mit der KI-Unterstützung selbst zu helfen versuchen. Eine dauerhafte Überbeanspruchung kann zudem die soziale Entwicklung und den Fortschritt bei der Erreichung von Zielen im Bereich der psychischen Gesundheit beeinträchtigen.
  4. Risiko von falschen Diagnosen: Ohne differenziertes menschliches Urteilsvermögen besteht ein höheres Risiko für verallgemeinerte oder ungenaue Ratschläge.
  5. Barrierefreiheit: Ironischerweise könnten Menschen ohne technische Kenntnisse oder zuverlässigen Internetzugang diese Tools als unerreichbar empfinden.

Überlegungen zur Zukunft der Psychotherapie

Meine Erfahrungen haben in mir einige wichtige Fragen aufgeworfen: Führt der wachsende Einsatz von KI in der Therapie dazu, dass eine persönliche Gesprächstherapie zunehmend zur Ausnahme wird? Also eine Art Premium-Service für Menschen, die es sich leisten können? Die Verfügbarkeit und der Kostenfaktor sprechen für die KI-Therapie, aber ihr fehlen Tiefe und echtes menschliches Verständnis. Vielleicht wird diese Entwicklung für eine Neuausrichtung der Psychotherapie sorgen. Vielleicht schaffen wir mit ihr eine Welt, in der KI eingesetzt wird, um eher oberflächliche Probleme oder schnelle Interventionen anzugehen, während menschliche Therapeut:innen für komplexere und vielfältigere Themen zuständig sind.

Wie so oft im Leben, gilt auch bei Psychotherapien: Was für den einen passt, passt nicht unbedingt für den anderen. Auch Gut und Böse sind manchmal nur eine Frage der Perspektive. Wir wissen, bei der psychotherapeutischen Arbeit sind zwei Konzepte von zentraler Bedeutung: eine vertrauensvolle Beziehung und die aktive Mitarbeit. Eine echte zwischenmenschliche Verbindung setzt Verletzlichkeit voraus. Und genau hier zeigt sich, was KI nicht leisten kann. Was die aktive Mitarbeit in einer Therapie betrifft, so werden durch die schnelle und einfache Erreichbarkeit der technologischen Unterstützung weitere Fragen aufgeworfen. Was passiert, wenn Therapie zu einfach wird? Wird die transformative Kraft dadurch geschmälert? Oder eröffnet uns die KI ganz neue Wege, an uns selbst zu arbeiten?

Für mich war das Ausprobieren der KI-Therapieangebote ein faszinierendes Experiment. Mein Fazit: Sie ersetzt zwar keine menschlichen Beziehungen, aber sie ist dennoch ein innovatives Tool, das traditionelle Therapieformen gut unterstützten kann. Ob Abby, ChatMind oder weitere kommende bahnbrechende Plattformen – die Zukunft der mentalen Gesundheit wird zweifellos in einer Kombination aus menschlicher Empathie und technologischen Innovationen liegen.